GASTBEITRAG VON MONI WIESSNER

Jedes Jahr aufs Neue kommt Silvester, vermutlich genauso überraschend wie Weihnachten, wenn es um Geschenke kaufen geht. Mit Silvester kommt aber auch die Zeit der Böller, Knaller, Raketen und Knallfrösche.

 

Für viele Hunde, speziell diejenigen aus dem Tierschutz, die bereits mit vielen anderen Umweltreizen zu kämpfen haben, ist die Woche um Silvester die schlimmste Jahreszeit. Während wir noch den Weihnachtsbraten verdauen, knabbert der Hund bereits an den ersten vereinzelten Knallgeräuschen, die unregelmäßig zu hören sind. Zu diesem Zeitpunkt ist es für ein gutes und zielführendes Training allerdings bereits zu spät.

 

Du solltest spätestens jetzt anfangen, an dem Problem zu arbeiten. Dein Hund wird es Dir danken! Er lebt nur in der Gegenwart. Das heißt er weiß nicht, dass diese Panik vorbei geht und am 1. Januar das normale, ruhige Leben wieder anfängt.

 

Zuerst ein wenig Theorie

Wenn wir an dem Panik-Gefühl des Hundes arbeiten und es verändern wollen, nutzen wir die klassische Konditionierung, auch GEGENKONDITIONIERUNG genannt.

Erinnerst Du Dich an das Glöckchen und Pawlow? Er setzte ein Glöckchen ein, welches er läutete kurz bevor der Hund was zu essen bekam. Er schaffte es nach ein paar Wiederholungen, dass der Hund bereits beim Glöckchen in freudiger Erwartung auf das Futter war und nicht erst bei Sicht des Napfes. Genau mit dieser Technik ändern wir auch ANGSTGEFÜHLE.

Der Reiz, welcher die Angst auslöst, ist das Glöckchen und die Belohnung ist das Futter.

Das bedeutet, auf diesen einen Reiz, der bei unserem Hund Angst auslöst, folgt etwas super, super, super Gutes!
Nach mehrmaliger Wiederholung verknüpft der Hund den zuvor angstauslösenden Reiz mit dieser super-duper-Belohnung und weiß, dass dieser Reiz eigentlich etwas Tolles ankündigt.

ZIEL ist also: Der Knall soll für unseren Hund eine Belohnung ankündigen. Daraus folgt, dass das Gefühl unseres Hundes geändert wird (von Angst zu freudiger Erwartung).

Die super-duper-Belohnung kann ein Spiel sein, ein absolut seltenes Leckerli oder ein Spielzeug, das normalerweise nicht greifbar ist für den Hund. Wichtig ist nur, dass es für unseren Hund das Tollste überhaupt ist!

 

WICHTIG DABEI SIND ABER BESONDERS DIESE ZWEI DINGE:

1. DAS TIMING: Das Positive muss dem Knall wirklich sofort (spätestens innerhalb von 0,5-1,0 Sekunden) folgen

2. DIE REIZINTENSITÄT: Der Reiz muss anfangs so gering sein, dass unser Hund noch keine Angst verspürt und auf das Positive reagieren kann. Geh dabei bitte lieber mit zu kleinen Schritten als zu großen Sprüngen vor, denn sonst kann sich die Angst oder Panik tatsächlich noch verschlimmern.

Durch mehrfache Wiederholungen kann der Reiz langsam gesteigert werden, jedoch erst dann wenn das aktuelle Reizniveau keine Angst mehr auslöst. Das bedeutet, der Knall wird lauter oder die Distanz zum Geräusch geringer. Damit gewöhnt sich unser Hund an das Geräusch.

 

Apropos Gewöhnung

Umso mehr Geräusche der Hund bereits im Jugendalter neutral oder positiv kennen lernt und sich an diese gewöhnt, desto weniger Probleme hast Du später.

Die Gewöhnung an Alltagsgeräusche kennt jeder: Ein Welpe, der von klein auf den Staubsauger, Autos usw. kennt, sieht sie als normal an und wird später vor diesen Geräuschen keine Angst haben.

Das bedeutet also: Hunde, die viele unterschiedliche Geräusche als “ungefährlich” und “normal” kennen gelernt haben, sind weniger anfällig für Geräusch-Ängste. Damit kannst Du schon bei Welpen präventiv vorarbeiten.

 

Wenn es nun aber so ist, und Dein Hund Angst hat

gewöhnen wir ihn Stück für Stück wieder daran, dass das Geräusch keine Gefahr für ihn darstellt und der Hund keine Angst haben muss.

Diese kleinschrittige Heranführung an den angstauslösenden Reiz, in unserem Fall den Knall, nennt sich DESENSIBILISIERUNG. Bei der Desensibilisierung wird das Reizniveau eigentlich so gering gewählt, dass der Hund sich ohne ein schlechtes Gefühl, jedoch auch ohne zusätzliche Belohnung, wieder daran gewöhnen kann. Im Hundetraining wird sie meist in Kombination mit der Gegenkonditionierung angewandt, aber auch hier darf keine Reizüberflutung oder Grenzüberschreitung stattfinden!

 

Dabei spielt Entspannung auch eine große Rolle

 

ENTSPANNUNG kann und sollte erlernt werden. Es ist sogar möglich Deinem Hund Entspannung auf Signal beizubringen. Das hilft Dir nicht nur in diesem Training, sondern kann Deinem Hunden jeden Tag im Alltag Ruhe und Erholung bringen, sowie in anderen stressigen Situationen ein Lösungsweg darstellen. Daher solltest Du, wenn möglich von klein auf, bereits Entspannungsübungen einbauen und Ruhe installieren.

 

Nun zur Praxis

  • Entspannte Situation herstellen: Hier bietet sich Körperkontakt an. Wenn Dein Hund aufs Sofa darf, ist das natürlich eine gute Möglichkeit. Oder Du machst es Dir auf einer Decke auf dem Boden mit Deinem Hund gemütlich. Wo spielt überhaupt keine Rolle, sondern der Körperkontakt zum Menschen. Entspannung kann aber auch auf dem Schlafplatz oder in seiner Box entstehen, wenn er sich dort wohlfühlt. Ist die Box gut gelernt ist, gibt sie als Höhle ein starkes Sicherheitsgefühl.

 

  • Reiz kontrolliert einsetzen: Zum Beispiel über eine CD, Töne über den PC (Vieles ist im Internet zu finden). Es sollte erst einmal in ganz leiser Lautstärke begonnen werden.
  • Als Mensch selbst entspannt sein: Unsere Stimmung überträgt sich sehr oft auf den Hund. Wenn Du nun aufgeregt bist (weil das Training beginnt und Du selbst vielleicht Angst hast etwas falsch zu machen) kann das als Unsicherheit auf den Hund übergehen. Daher wirklich nur beginnen wenn Du selbst entspannt und souverän bist – und bleib authentisch!
  • Den Hund genau beobachten (ohne dass er sich beobachtet fühlt!)
  • Am besten durch einen Helfer den Reiz behutsam einsetzen und sofort das tollste Leckerli oder Spielzeug einsetzen. Nicht überdreht, sondern für den Hund angenehm und positiv spielen, Leckerchen geben oder ähnliches.
  • Wiederholen, wiederholen, wiederholen: Am besten mehrmals am Tag mit unregelmäßigen Abständen. Die Reizsteigerung erst einsetzen, wenn man sich selbst sicher ist, dass man die Grenze des Hundes damit nicht überschreitet.
  • Wenn es dann soweit ist und Silvester vor der Türe steht: Belohnung bereit halten und “richtige” Knaller ebenfalls mit ins Training einbauen.
  • Es sollte aber unbedingt darauf geachtet werden, selbst wenn unser Hund nun entspannt ist, nichts zu riskieren. Lege Gassigänge am Besten auf Uhrzeiten, in denen wenig geknallt wird. Wähle Orte, an denen Du eine ausreichende Distanz zu Knallern hast. Im Allgemeinen gesagt: Bleib vorsichtig, sonst war möglicherweise das Training für die Katz!

 

 

Sollte es zu spät sein, das Training nicht funktionieren oder auch um Silvester-Angst vorzubeugen:

Management hilft!

Das bedeutet: Es wird nicht am Problem gearbeitet, wir machen es unserem Hund aber so angenehm wie möglich. Hier eine kleine Auswahl an Möglichkeiten, Einsatz natürlich je nach Hund und Situation:

  • Plane Gassigänge genau, wenig frequentierte Orte besuchen, lieber mit dem Auto an einen Wald fahren, um dem Geknalle zu entkommen.

 

  • Den Hund bitte nicht mehr von der Leine lassen. Lieber an der langen Leine führen, und nicht ungesichert laufen lassen. Sollte es doch unvorhergesehen knallen, könnte es passieren, dass der Hund nicht mehr ansprechbar ist und weg läuft
  • Den Hund beschäftigen durch Aufgaben, die er normalerweise sehr gut lösen kann. Das gibt ein positives Gefühl, Selbstvertrauen, lenkt ein wenig ab und die Spaziergänge werden angenehm aber nicht überfordernd gestaltet.

 

An Silvester selbst

  • Den Hund nicht alleine sondern nach Möglichkeit in seiner gewohnten Umgebung lassen.
  • Um die Geräuschintensität zu dämmen kannst du Jalousien herunterlassen, Fernseher oder Radio laut stellen. Selbstverständlich sollte der Hund Silvester im geschützten Haus verbringen dürfen.
  • Wenn die Knallerei mehr wird und wir kurz vor dem großen Feuerwerk sind, etwas zu Kauen anbieten, mit dem der Hund möglichst lange beschäftigt ist. Kauen beruhigt unseren Hund.
  • Dem Hund Sicherheit geben: Rückzugsorte zulassen. Wenn der Hund Körpernähe zu uns sucht, diese auch anbieten. Dass man den Hund dann nicht streicheln sollte, ist eine veraltete Ansicht. Durch Körpernähe und Streicheln werden Glücksgefühle ausgeschüttet. Wichtig ist dabei nur, dass Du selbst nicht aufgeregt und nervös bist. Wenn Dein Hund gerne in eine Box geht, diese auch zur Verfügung stellen.

Hilfsmittel einsetzen

Bitte teste einige Zeit vorher schon, ob und welche der folgenden Hilfsmittel bei Deinem Hund Wirkung zeigen. Es ist von Hund zu Hund unterschiedlich. Das musst Du einfach ausprobieren.

Hier einige Beispiele:

  • Rescue-Tropfen oder homöopathische Medikamente (bitte bereits ein paar Tage vorher beginnen)
  • Ätherische Öle – Hier erfährst du mehr darüber!
  • Zylkene oder Adaptil: Beides beruhigende Mittel, die rezeptfrei erhältlich sind. Hier bitte ebenfalls frühzeitig beginnen. Von Adaptil gibt es zusätzlich einen Verdampfer, der in die Steckdose gesteckt wird.
  • Thundershirt: Durch den Druck auf den Körper, vermittelt das Thundershirt unserem Hund Sicherheit und ein Wohlgefühl.

Diese und andere Hilfsmittel können auch gut mit dem Training, wie oben beschrieben, kombiniert werden.

 

Helfen alle diese Möglichkeiten nicht und leidet Dein Hund stark, gibt es auch noch die Beruhigungsmittel vom Tierarzt:
Sprich bitte im Vorfeld mit Deinem Tierarzt und lass Dich beraten. Es gibt bestimmte angstlösende, rezeptpflichtige Medikamente, die jedoch nur als letzte Möglichkeit gegeben werden sollten.

Wichtig: Keine Arzneimittel einsetzen mit dem Wirkstoff “Acepromazin”. Es beruhigt unsere Hunde nur äußerlich. Sie fühlen sich schlapp und wirken ruhig, aber innerlich haben sie die identische Panik und Gefühlssituation wie ohne dieses Medikament. Dadurch kann unser Hund den Stress, ausgelöst durch seine Panik, nicht einmal körperlich verarbeiten, z.B. durch Zittern, Hecheln oder Speicheln.

 

Für nächstes Silvester, denn es kommt bestimmt (!), kannst Du frühzeitig mit einem geeigneten Trainer Kontakt aufnehmen, wenn Du professionelle Hilfe suchst.

 

Nun wünsche ich Dir viel Erfolg bei der Umsetzung meiner Tipps und dir und deinem Hund ein entspanntes Silvester…

 

Wie sind denn Deine Silvester-Erfahrungen mit Hund? Hast du noch weitere Tipps?

Kommentieren und Teilen erlaubt und erwünscht…

 

Moni Wiessner ist Hundetrainerin und hilft Menschen und ihren Hunden in Augsburg und Umgebung.

Mehr über Moni und ihre Arbeit erfährst du hier:

Moni Wiessner TeamWork Hundetraining

 

 

 

 

Wie immer freue ich mich also über deinen Kommentar und natürlich darfst du diesen Blogartikel gerne teilen, um auch anderen damit zu helfen.

Für heute von Herzen liebe Grüße an dich und deine Fellnase und alles Liebe!

Deine Chrissy

 

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